Für Wissenschaftler und Wirtschaftsökonomen ist Postwachstum ein kontrovers diskutierter Begriff. In der breiten Öffentlichkeit hingegen taucht das Thema nur spärlich auf. Wie gestaltet sich also der gegenwärtige Standpunkt des alternativen Konzeptes in der Bundesrepublik? Welche Medien setzen sich mit dem Thema auseinander – und in welcher Form findet Postwachstum in der breiten Öffentlichkeit Gehör? Eine Bestandsaufnahme.

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Glück statt Wachstum? Dass das BIP allein nicht glücklich macht, stellte bereits der ehemalige König des Himalayareichs Bhutan, Jigme Singye Wangchuck, im Jahr 1972 fest. Das Oberhaupt des kleinen Staates zwischen China und Indien führte im selben Jahr das Bruttonationalglück (BNG) als alternativen Wohlstandsindikator zum BIP ein. Dabei stellte seine Exzellenz vier Säulen zum Glücksprinzip auf:

- Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung,

- Schutz der Umwelt und Förderung der nachhaltigen Entwicklung,

- Bewahrung und Förderung der kulturellen Werte Bhutans,

- gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen, sowie Bekämpfung der Korruption.

Der Gegenpart zum BIP, das den Gesamtwert aller Güter, die innerhalb eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft hergestellt wurden, angibt, ist ein Ansatz, um dem weltweiten Kapitalismus und dessen Vorgehensweisen Paroli zu bieten und stellt einen Gegenentwurf zu den bisherigen Modellen der Vereinigten Staaten von Amerika und Nationen in Europa dar.

Lassen sich die aufgestellten Säulen zum Glückprinzip so einfach in anderen Ländern in die Tat umsetzen? Diese Frage vermag keiner korrekt beantworten zu können – aber: Wie berichten überhaupt deutsche Medien über eine mögliche Alternative zum BIP? Besteht ein Interesse, dieses komplexe Thema in der breiten Öffentlichkeit zu debattieren? Inwieweit ist dieser alternative Wohlstandsindikator ein Medienthema in Deutschland?

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Creative Commons: "Glück; von Steffi Reichert. https://www.flickr.com/photos/steffireichert/5163326840/in/photolist-8Sgpby-rHzVVK-fDMJkY-8ozkQ7-4MtuaR-4SsSMz-nEe4mU-88ii1C-eatiQk-h28hhL-LYSyF-5wpjUB-8vBWnB-8vD2pY-9YaQ2g-mCMnmq-9iTMNa-iGNqvG-cmnW7S-piq84K-jEJQuH-pHnPH5-oL9LER-y2JVX-4ev5ek-hfsnHa-bDSeb-y2KEK-y2JVZ-5o45ux-dUUYh4-9Q2B8H-bkbvCE-5pwyVT-59zxkH-dG3sDY-y2KEM-dTmCmn-8Kcv2Z-4b88mw-67GN6k-a1kACP-4gTyGM-b3WPMx-eayXFd-JYiTS-oKT2rx-otE5EC-otEwMK-7uHSyP

Unbezahlbar für viele Menschen: Glück. Bild: “Glück” von Steffi Reichert (CC BY-NC-ND 2.0 / Creative Commons)

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“NDR”: Die Befreiung vom Überfluss

“Wir arbeiten. Wir konsumieren. Immer schneller und immer mehr”, lautet die Information zur Dokumentation “Neuland – Wie viel ist genug?”, die im Dezember 2014 zum ersten Mal im NDR ausgestrahlt wurde. Der knapp 30-minütige Film stellt Menschen vor, die über die Befreiung vom Überfluss nachdenken. Willem Konrad, Domenica Berger und Benjamin Arce, die Macher des Werks, wollen die Widersprüche unseres Wachstumsmodells beleuchten.

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Video: “Neuland – Wie viel ist genug?” – ein Beitrag vom NDR-Format Neuland

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“DER SPIEGEL” spricht von den “Glücksbringern”

Anfang 2015 nahm sich das Magazin “DER SPIEGEL” in der ersten Jahresausgabe dem Thema an: Im Artikel “Die Glücksbringer” wurde deutlich, dass deutsche Politiker sich mit Meinungsumfragen innerhalb des Volkes zum Wohlstand und Lebensqualität auseinandersetzen. So plane die aktuelle Regierung unter Dr. Angela Merkel für 2015 einen bundesweiten Dialog mit den Bürgern. Hierbei wollen die Kanzlerin und ihre Ministerinnen und Minister die Glücksvorstellungen der Deutschen erforschen und die Distanz zur Politik überwinden. “Das Volk soll reden dürfen – aber mehr auch nicht”, so die Einschätzung der “DER SPIEGEL”-Journalisten.

Beim sogenannten Zukunftsdialog, den Merkel im Sommer 2012 auf dem Höhepunkt der Eurokrise mit ihren Bürgern führte, konnten diese damals ihre Anliegen bei einem Internetvoting vorbringen. Neben der Internetaktion solle es noch einen direkten Austausch der Kanzlerin mit den Bürgern geben. “Seitdem war nicht mehr allzu viel zu hören vom Zukunftsdialog. Von konkreten Folgen ist nichts Nennenswertes bekannt”, stellte der Artikel ernüchternd fest. Dennoch solle das Projekt eine Neuauflage erleben. Im Kanzleramt plane Merkels PR-Beraterin Eva Christiansen eine Gesprächsreihe mit dem Titel “Gut leben – Lebensqualität in Deutschland”. Unter diesem Motto würden Kanzlerin, Vizekanzler und das Kabinett ab Mitte des Jahres zum Bürgerdialog einladen, um die Seelenlage der Deutschen zu erforschen. “So ist es im Koalitionsvertrag vereinbart.” Laut Merkel gehe es darum, “die Vorstellung der Bürgerinnen und Bürger von Lebensqualität in Erfahrung zu bringen”.

“Im April soll der von der Regierung geplante Bürgerdialog losgehen, rund hundert Gespräche sind geplant”, so die Informationen von “DER SPIEGEL”. Anfangs würden die Bürger auf Einladung von Verbänden und Stiftungen untereinander diskutieren. Die Politik sitze nur dabei und notiere, was die Bürger bewege. “”World Café” heißt dieses Format, das in den USA erdacht wurde und die Kanzlerberater fasziniert.” Für die Verfasser des Artikels sei es wichtig, dass die Regierenden dem Volk ihr Ohr leihen würden. “Zuhören” sei das Zauberwort.

Merkel wolle also auf das Volk hören, dabei misstraue die Kanzlerin Volkes Willen. “Sie hält Politik, Regieren genauso wie Opposition, für ein Handwerk, das am besten von Profis betrieben wird.” Das sei am Ende auch für die Laien – das Volk – besser.

“Süddeutsche Zeitung” und “Weg mit dem BIP”

Vor knapp sechs Jahren verwies Journalist Michael Kläsgen von der “Süddeutschen Zeitung” im Artikel “Weg mit dem BIP” darauf, dass es ohne das BIP auch gehen würde – zumindest hatte man damals in Frankreich diese Ansicht. “Präsident Sarkozy will das BIP durch einen anderen Indikator ersetzen”, so Kläsgen. Der neue Gradmesser solle kommende Weltwirtschaftskrisen verhindern helfen. Das Bruttoinlandsprodukt spiegele die Realität nicht wider, erklärte Sarkozy im Jahr 2009 in einer Rede an der Pariser Universität Sorbonne. Das BIP messe weder den sozialen Fortschritt noch das Wohlergehen Einzelner oder die Nachhaltigkeit, sondern nur Quantität und Produktion. Dass der Vorgänger von François Hollande das BIP nicht ersetzte, ist heute Fakt.

“ZEIT ONLINE” und “GEO Magazin” stellen Verbindungen zwischen Wachstum und Klimawandel auf

Die Publikation “Es ist das Wachstum, Dummkopf”, veröffentlicht im September 2014, weist darauf hin, dass Wachstum Konsequenzen für das Klima auf der Erde haben könnte. “Solange wir so vom Wachstum abhängig sind, wird all das nicht reichen. Wer das Klima wirklich schützen will, muss unsere Art des Wirtschaftens in Frage stellen. Das aber trauen sich bisher nur die wenigsten”, sagt Alexandra Endres, Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei “ZEIT ONLINE”. Durch Investitionen in erneuerbare Energien, ressourcensparende Techniken und Rechtssicherheit könne man Wirtschaftswachstum und Klimaschutz vereinen. “Aber statt die schönen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen, bauen wir weiter schmutzige Kohlekraftwerke. Das zu ändern, ist Sache der Politik. Es wäre höchste Zeit, dass Regierungsvertreter über grünes Wachstum reden statt über die althergebrachten Konjunkturmaßnahmen”, so Endres weiter. Wer Verzicht fordere, mache sich nicht nur unbeliebt, er rühre auch an den Grundlagen unseres Wirtschaftssystems. “Aber es ist höchste Zeit, die Debatte darüber zu führen, wo Wachstum überhaupt noch nötig ist – und wie man dort, wo die breite Masse schon auskömmlich lebt, durch bewussteren Konsum und Umverteilung eine Alternative möglich machen kann.”

Dass Wachstum und Klimawandel miteinander verstrickt sind, beweist ebenso der Artikel “Besseres Wachstum, besseres Klima?” vom “GEO Magazin”. Der Urheber, Peter Carstens, verweist im November 2014 darauf, dass “ein hochkarätiger Report Wirtschaftswachstum fordert – für mehr Klimaschutz.” Die Rede ist dabei von “Better Growth, Better Climate”, ein im September 2014 veröffentlichtes Thesenpapier von Global Commission on the Economy and Climate. Die These, dass beides zusammengehe, sei für ihn nicht neu: “Neu ist, dass sie Widerspruch erntet.” Das Wohlstandsmodell in Deutschland und das Dogma vom ewigen Wirtschaftswachstum ruiniere auf lange Sicht unsere Umwelt.

“taz”: “Konsum nervt”

Die “taz” hingegen publizierte im September 2014 ein Interview mit Niko Paech: “Konsum nervt”. Dabei fragt die “taz” kritisch nach, ob der Volkswirt und Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg ein “Partykiller, Miesepeter, Apokalyptiker” sei. Paech betont, dass das Wort “Verzicht” das falsche Wort sei. Weniger zu verbrauchen, könne den Genuss steigern, so der Ökonom. Er würde Kapitalismus für eine “Zombiekategorie” halten.

“Wachstum, was nun?” von “ARTE”

“Mehr Wachstum!” werde in Zeiten von Wirtschafts-, Umwelt- und Finanzkrisen gefordert, meint Marie Monique Robin, die Urheberin des Dokumentarfilms “Wachstum, was nun?”. Die amerikanische Immer-mehr-Ideologie gelte als Garant für eine gesunde Ökonomie. In ihrem Beitrag setzt sich Robin mit der Frage auseinander, wie zeitgemäß dieser Mythos angesichts der weltweiten Ressourcenknappheit noch sei. Dabei zeigt sie Alternativen auf, die sich bereits bewährt hätten.

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Video: “Wachstum, was nun?” – ein Beitrag von ARTE

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“hr2″ im Gespräch mit einer Wachstumskritikerin

Ende Februar 2015 lud die “hr2-kultur”-Sendung “Doppelkopf” die Wachstumskritikerin Barbara Muraca ein. Die gebürtige Turinerin ist Philosophin an der Universität Jena. Sie sei eine der Wortführerinnen einer neuen Bewegung, die sich für eine Wachstumswende, für ein Postwachstum, für eine Entschleunigung auspreche. Dabei debattiert sie mit Moderator Conrad Lay über eine am Wachstum orientierte Gesellschaft.

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Podcast: “Am Tisch mit Barbara Muraca, “Wachstumskritikerin”” – ein Beitrag von hr2-kultur Doppelkopf

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“Krautreporter”: Frederik Fischer erklärt das BIP

Beim Online-Magazin “Krautreporter”, das sich im Oktober 2014 erfolgreich durch Crowdfunding die Finanzierung sicherte und unabhängigen Journalismus ohne Werbung garantiert, nimmt sich Frederik Fischer dem Thema an. In “Die mächtigste Zahl der Welt: Das Bruttoinlandsprodukt” versucht der in Berlin lebende Technologiejournalist zunächst aufzuklären, warum das BIP als die mächtigste Zahl der Welt gelte. “Das Bruttoinlandsprodukt ist vergleichbar mit dem eigenen Einkommen – leider nicht in der Höhe, aber immerhin in der Funktion. Wie beim eigenen Einkommen gilt: Je höher es ist, desto billiger die Kredite, desto höher das Ansehen, desto größer der Einfluss.” Das BIP sei dabei gleichzeitig Zuckerbrot und Peitsche. Ein hoher Wert erweitere den Handlungsspielraum von Staaten, eine negative Entwicklung schränke sie ein. Diese Ansicht untermauert Fischer mit zwei anschaulichen Beispielen: “Das Maastricht Kriterium” und “Das makroökonomische Ungleichgewichtsverfahren”. Anschließend setzt sich Fischer mit den Fragen auseinander, wie man das BIP misst und wie BIP-Änderungen entstehen.

Neben den Informationen zeigt Fischer Alternativen zum BIP auf: Vom BNG in Bhutan über ein grünes BIP in China bis hin zum britischen GDP+ von Nick Clegg. Ausserdem verweist er auf Sarkozys Kommission zur Messung der wirtschaftlichen Leistung und des sozialen Fortschritts und den Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen. “Ob diese jemals die Bedeutung des Bruttoinlandsprodukts bekommen werden, hängt von Politik, Medien und Gesellschaft ab. Solange die Wirtschaft eine so herausragende Stellung in unserer Gesellschaft hat, bleibt der Siegeszug von BNG & Co. zumindest fraglich”, stellt Fischer abschließend in den Raum.

“Krautreporter”-Gespräch mit Volkswirt Dr. Norbert Räth

In einer weiteren Publikation – “Die Abkehr vom Wachstumsfetisch” – führt Fischer ein Interview mit Dr. Norbert Räth, einem 58 Jahre alten Volkswirt und zeitgleich Chef der Gruppe IIIA des Statistischen Bundesamtes in der hessischen Landeshauptstadt, Wiesbaden. Seit mehr als 30 Jahren berechnet Räth das BIP. Dabei hakt Fischer nach, was Räth am BIP so fasziniere, verweist auf das Video “Was ist das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP?” von DW (Dialog weltweit), zeigt auf, wie das BIP in den letzten Jahren gewachsen ist und vermerkt, dass das BIP nicht das Ergebnis einer physikalischen Formel, sondern menschengemacht sei.

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Video: “Was ist das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP?” – ein Beitrag von DW (Dialog weltweit)

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Am interessantesten ist seine Frage, warum sich unsere Gesellschaft nicht deutlicher und lauter mit der Thematik auseinandersetze. “Das wird ja schon gemacht”, erwidert Räth und verweist auf einen Nachhaltigkeitsbericht der Bundesregierung. Es gebe zudem eine Verteilungsdebatte, die auch über Spreizung der Einkommen und der Gesellschaft geführt werde. “Ich denke, dass das BIP verstärkt einen Vorwurf abbekommt, der eigentlich an die Politik gerichtet ist, und das ist die Wachstumskritik. Das hat der Club of Rome schon 1972 beschrieben: Grenzenloses Wachstum ist nicht möglich. Die Erde kann nur einmal verbraucht werden”, so Räth. Wer im BIP nach Antworten auf die Fragen suche, wie wir als Weltgemeinschaft nachhaltig leben können, könne nur enttäuscht werden, so der Volkswirt.

Medien berichten, Gesellschaft bleibt träge

Dass deutsche Medien seit mehreren Jahren über Postwachstum und Alternativen zum BIP berichten, steht fast außer Frage. Fazit ist, dass die deutsche Gesellschaft zu träge erscheint, um sich der kontroversen Thematik anzunehmen – oder sie will es tunlichst vermeiden. Der “Tritt nach unten” als Ausprägung einer eigenen Niedergangsangst ist bei einigen Deutschen tief verwurzelt. Die Angst des wirtschaftlichen Abstiegs schwirrt in den Köpfen. Die eigene Glückseligkeit vor das wirtschaftliche Wachstum des Wohlstandes zu stellen, fällt vielen nicht leicht. Die Einstufung in eine “obere Klasse” steht meist vor dem, was sie eigentlich möchten. Sie trauen sich nicht, (finanzielle) Einbußen für ein womöglich erfülltes Leben in Kauf zu nehmen. Träume bleiben für viele, des Zwangs der Gesellschaft wegen, nur unerfüllte Sehnsüchte.

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