Das Bruttoinlandsprodukt spielt eine tragende Rolle im kapitalistisch geprägten Westen. Stetig steigender Wohlstand ist der Lohn für eine laufende und wachsende Wirtschaft. Aber es gibt Alternativen: Ein Überblick über die drei wichtigsten Postwachstumsbegriffe.

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Für die große Mehrheit der Länder auf der Erde ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der wichtigste Indikator, um den Wohlstand der Bevölkerung zu bemessen. Schon in den Wikipedia-Einträgen aller Staaten taucht gleich unter den Informationen zur Amtssprache, Hauptstadt, Staatsform, Fläche und Einwohnerzahl sowie zum Regierungssystem und Staatsoberhaupt der Hinweis auf, wie viel das letztjährige BIP betrug. Nationale Regierungen würden fast alles in ihrer Macht stehende tun, um die Wirtschaft des eigenen Landes am Laufen zu halten. Das bedeutet: Sie muss wachsen – ständig und immer. Wenn dies nicht der Fall ist, versuchen die meisten Ökonomen, Angst zu schüren und sprechen von einer bevorstehenden Rezession. Fernab des stetig steigenden Wachstums des materiellen Wohlstandes bestehen Alternativen, die zum Umdenken führen könnten: Postwachstum, Postwachstumsgesellschaften und Postwachstumsökonomie.

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Wirtschaft und Umwelt im Einklang. Bild: “Die Zeit zurück” von Olli Henze (CC BY-ND 2.0 / Creative Commons)

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Postwachstum: Luxus ist nicht alles

Im Lateinischen steht das Wort luxus für Verschwendung. Eine treffende Übersetzung, um auf den nimmermüden Durst des Konsums der deutschen Gesellschaft hinzuweisen. Laut Statistischem Bundesamt nutzen wir Deutsche rund 40 Prozent unserer Kleidung nicht. Dennoch würden große Modeketten inzwischen zwölf Kollektionen pro Jahr auf den Markt bringen. Muss das sein?

Abhilfe schafft das Postwachstum. Der Begriff wird weitestgehend mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorgängen in Verbindung gebracht, die sich mit Umorientierung, Umgestaltung und Alternativen beschäftigen. Ziel ist es, dass das Streben nach Wachstum nicht das zentrale Ziel der Politik und Wirtschaft ist. Postwachstum soll Menschen vor einer negativen Entwicklung bewahren, die für sie ökologisch, ökonomisch, politisch oder sozial schädlich ist oder sein wird. Für viele Verfechter des Konzepts ist die Wachstumsrücknahme eine hoffnungsvolle Strategie gegen ein Umwelt und Ressourcen überbelastendes System. Eine Verringerung des Konsums und der Produktion, das zeitgleich auch das BIP schrumpfen lassen würde, kann demnach ein Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und Wohlbefinden sein.

Für viele Postwachstumsbefürworter ist die Alternative zeitgleich ein gesundes Schrumpfen der Wirtschaft, da die Menschheit bereits über ihre Verhältnisse leben und ökologische Systeme überstrapazieren würde. Durch die begrenzte Belastbarkeit von Ökosystemen und der Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen sei ein Wachstumsrückgang unausweichlich, schreibt Giorgos Kallis, Autor der Publikation “In defence of degrowth”. Die erste umfassende Kritik am exponentiellen Wirtschaftswachstum wurde 1972 veröffentlicht: Die Studie “Die Grenzen des Wachstums” erschien im Auftrag des Club of Rome und sorgte weltweit für Aufsehen. Hierbei wurden die möglichen Folgen eines unbeschränkten Wachstums für Ökologie und Gesellschaft aufgrund der begrenzten Ressourcen und dessen nicht nachhaltige Nutzung aufgezeigt. Das Werk der US-Amerikaner Donella und Dennis L. Meadows und deren Mitarbeiter am Jay W. Forrester’s Institut für Systemdynamik ergab nach einer Überarbeitung im Jahr 2004, dass in den meisten errechneten Szenarien der Studie ein wirtschaftlicher Kollaps zwischen 2030 und 2100 eintreten könnte. Durch die Ergebnisse der Studie und im Rahmen eines entwicklungskritischen UNESCO-Kongresses in Paris im Jahr 2000 kam die Idee auf, eine Konferenz zu diesen Themen ins Leben zurufen. Seit 2008 findet alle zwei Jahre die wichtigste Veranstaltung der Wachstumskritik statt: die Internationale Degrowth-Konferenz für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit.

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Video: “Leben und Wirtschaften jenseits des Wachstums” – ein Beitrag von KontextTV von der Internationalen Degrowth-Konferenz in Leipzig im Jahr 2014

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Postwachstumsgesellschaft: Bildung als Voraussetzung

Zum Postwachstum gehört selbstverständlich eine Gesellschaft, die sich ihm annimmt. Für die Journalistinnen Irmi Seidl und Angelika Zahrnt, die 2010 gemeinsam das wachstumskritische Buch “Postwachstumsgesellschaft” herausbrachten, sind zwei Merkmale für eine Postwachstumsgesellschaft besonders wichtig: eine starke Reduktion des Verbrauchs von Ressourcen und schwindende Wirtschaftskraft. Im Zentrum dieser Gesellschaft stehe der Wandel der sozialen und wirtschaftlichen Strukturen. So prägen drei grundlegenden Kennzeichnungen für sie die Postwachstumsgesellschaft:

1. Es findet keine Politik zur Erhöhung des Wirtschaftswachstums statt,

2. es bestehen keine wachstumsabhängige und wachstumstreibende Bereiche (Institutionen und Strukturen werden so umgebaut, dass sie vom Wirtschaftswachstum unabhängig sind),

3. der dem Wachstum geschuldete Energie- und Ressourcenverbrauch wird heruntergefahren, um die entsprechenden Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Seidl und Zahrnt betonen, dass trotz des Wirtschaftswachstums der letzten Jahrzehnte die öffentliche Verschuldung stark gestiegen sei. Die Staatshaushalte wären selten ausgeglichen gewesen. “Die öffentlichen Finanzen ins Lot zu bringen, ist unumgänglich, um kurz-, mittel- und langfristig Krisen und Zusammenbrüche zu verhindern”, so die beiden Journalistinnen. Dazu brauche es kein Wirtschaftswachstum, sondern eine Postwachstumsgesellschaft habe dann die große Herausforderung, die Staatsfinanzen zu sanieren. Diese alternative Gesellschaft könne solche Krisen vielleicht sogar besser meistern, weil sie die trügerische Hoffnung auf Wirtschaftswachstum als Problemlöser aufgebe und sich neue Denkräume und Handlungsalternativen erschließe.

Für die Philosophin und Ökonomin Christine Ax ist Bildung ein entscheidendes Kriterium für eine Postwachstumsgesellschaft: “Sie ist sowohl Voraussetzung als auch Selbstzweck.” Bildung mache jenseits von Ressourcenverschwendung und Statussymbolen reich. Inge Røpke, Professorin im dänischen Lyngby, stellt dagegen den Konsum in einer alternativen Gesellschaft hervor: “Eine Postwachstumsgesellschaft muss das Wachstum des Konsums materieller Güter einschränken und soziale Ungleichheiten – global wie national – aktiv begrenzen.”

Dass der Weg zu einer Postwachstumsgesellschaft in einer demokratischen Herrschaftsform möglich ist, ist kaum zu bestreiten. Für Claudia von Braunmühl, deutsche Politikwissenschaftlerin und Honorarprofessorin am Otto-Suhr-Institut, müsse dieser Weg speziell von umfassender demokratischer Deliberation und Partizipation getragen werden.

Grundzüge einer Postwachstumsökonomie

Neben dem Postwachstum und seiner Gesellschaft rundet die Postwachstumsökonomie den Überblick ab. Für Niko Paech – Volkswirt und seit 2010 Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg – beziehe sich eine solche Ökonomie auf eine Wirtschaft, welche ohne Wirtschaftswachstum über stabile Konsum- und Versorgungsstrukturen verfüge. Dabei komme die Wirtschaft ohne Wachstum des BIPs aus und verfüge über stabile Versorgungsstrukturen – wenngleich das Konsumniveau reduziert werden müsse. Somit stelle die Postwachstumsökonomie einen Teilbereich innerhalb ihrer Postwachstumsgesellschaft dar.

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