Ein Bruttonationalglück als Gegenpart zum altbewährten Bruttoinlandsprodukt? Die Alternative hat es mit Hinblick auf die globale Staatsverschuldung verdient, eine Chance in der Eurozone zu bekommen. Kann eine Wirtschaftsmacht wie Deutschland vom kleinen Entwicklungsland Bhutan ernsthaft lernen? Ein Kommentar.

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Ein unheilvoller Begriff ist dank Ökonomen und Politikern häufiger zu hören: Sie munkeln von einem “verlorenen Jahrzehnt” für Europa, das durch die bekannte Eurokrise ausgelöst wurde. Während der angesehene Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz, ein Vertreter des Neukeynesianismus, sowie US-Finanzminister Jack Lew die Eurozone von einer erst bevorstehenden Dekade aus Deflation, Stagnation und neuen Schuldenrekorden warnen, hat sie in den Augen von Deka-Bank-Chefvolkswirt Ulrich Kater bereits spätestens mit der Eurokrise begonnen. Insbesondere der Süden und der Westen Europas sind von Staatsverschuldungen betroffen – und das nicht nur in den klassischen Krisenstaaten. Auch in Frankreich liegen die Staatsschulden auf Höhe der jährlichen Wirtschaftsleistung oder weit darüber. Das trifft ebenso für fast alle anderen großen Industriestaaten der Welt zu: etwa die USA, Kanada oder Großbritannien. Für Japan kam es noch heftiger: Das ehemalige Kaiserreich türmte schwindelerregende 245 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts an Krediten auf. Ist es nun endlich an der Zeit, dass ein aktuell stabil wirkendes Deutschland einen neuen Schritt in Sachen Wirtschaftswachstum wagt? Etwa in Form von Wirtschaftsrücknahme oder Verzicht? Bruttonationalglück statt Bruttoinlandsprodukt?

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Happy Planet Index 2012

Nicht der Luxus macht einen glücklich. Bild: “Happiness” von Mahmud Rassel (CC BY-SA 2.0 / Creative Commons)

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Zeit für Veränderungen

Ein bisschen weniger ist bekanntlich manchmal mehr und die Zeit ist da, in der die Bundesrepublik als Beispiel vorangehen muss – genau wie in der Energiewende. So hat sich Deutschland das Ziel gesteckt, unter anderem bis 2050 den Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch auf 80 % zu steigern. Festgelegt wurden diese Ziele vor fünf Jahren – kurz vor der Nuklearkatastrophe in Fukushima, die zur Rücknahme der zuvor beschlossenen Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke führte. Genau wie im Energiesektor muss Deutschland nun ein Vorreiter für eine Alternative zum Bruttoinlandsprodukt sein – aber darf nicht erst auf eine sichtbare Katastrophe warten, wie sie in Japan passiert ist. Es ist ein schleichender Prozess, der zu wirtschaftlichen Depressionen führt, siehe Griechenland. Die Mehrheit der Deutschen ist bereit, weniger Rohstoffe und Energie zu verbrauchen – und das ist auch bitter notwendig. Denn: Der errechnete, jährlich früher eintretende “Earth Overshoot Day” zeigt auf, das sämtliche Ressourcen, die bis zu diesem Tag verbraucht wurden, nicht mehr vom Ökosystem erneuert werden und die Menschheit macht sich quasi Schulden bei der Natur.

Frag deine Bürger und Bürgerinnen, Deutschland

Viele Lehrbücher über Ökonomie konstatieren in ihrer Einleitung, dass die Wirtschaft dem Wohle der Menschheit diene. Die Realität sieht aktuell anders aus: Staatsverschuldungen wohin das Auge reicht. Auch die These, dass mehr Wachstum gleichzeitig zu mehr Wohlstand oder mehr Wohlbefinden der Landbevölkerung führen würde, trifft nicht immer zwangsläufig zu. Dass ein Staat nicht zuallererst am Bruttoinlandsprodukt gemessen werden muss, zeigt das unabhängige Königreich Bhutan. Die kleine Nation und seine mehr als 700 000 Einwohner haben in der Landesverfassung festgelegt, dass sie das Recht auf Glück haben. Nicht viele Staaten stellen ihren Bürgern die Frage, wie sehr sie ihr Leben genießen. Die Ausnahme ist das Himalaya-Königreich: Der Staat misst sein Bruttonationalglück, das seit dem Jahr 2008 in der Verfassung seinen Platz hat, mit einem langen Fragebogen. Beamte sind im Auftrag der nationalen Kommission für das Bruttonationalglück mit einem über 1 000 Fragen umfassenden Katalog im ganzen Land unterwegs, um zufällig ausgewählte Bhutaner nach ihrem Befinden, ihren Hoffnungen und ihren Vorstellungen vom guten Leben zu befragen. Und genau das benötigt Deutschland endlich! Die Regierung muss hinterfragen, was seine Bevölkerung glücklich macht – und das ist nicht der Konsum, geschweige denn das Bruttoinlandsprodukt. Die deutsche Regierung – und ganz besonders die Bundeskanzlerin – müssen erkennen, dass Technologie nicht alle aufkommende Probleme lösen kann. Vielmehr müssen die deutschen Politiker die Glücksvorstellungen der Deutschen erforschen und die Distanz zur Politik überwinden. Einen ersten Ansatz gibt es: Beim sogenannten Zukunftsdialog, den Merkel im Sommer 2012 auf dem Höhepunkt der Eurokrise mit ihren Bürgern führte, konnten Bürger und Bürgerinnen damals ihre Anliegen bei einem Internetvoting vorbringen. Ein Anfang.

Wohlbefinden der Bevölkerung in den Fokus rücken

Vor zwei Jahren lud Bhutan bei den Vereinten Nationen in New York zu einem Treffen ein. Die Konferenz sollte den Weg zu einer neuen Wirtschaftsordnung ebnen, in der anstatt dem Wachstum das Wohlbefinden im Fokus stehen sollte. Karma Ura, der bhutanische Direktor des Center for Bhutan Studies und ein Redner auf der Konferenz, erklärte, dass Buthan im Laufe der Zeit neun Domänen identifiziert habe, die als Faktoren in Analysen des Glücks eine Rolle spielen. Dazu zählen unter anderem das psychologische Wohlbefinden, Gesundheit, die Nutzung von Zeit (Work-Life-Balance) und finanzielle Sicherheit. Unter den Teilnehmern befanden sich neben dem UN-Generalsekretär Ban Ki Moon auch die ehemalige Staatspräsidentin Costa Ricas sowie Nobelpreisträger Stiglitz und Prinz Charles. Die Anwesenheit dieser Persönlichkeiten unterstreicht die Seriosität des Treffens und das Interesse an dem Glückskonzept des Himalaya-Staates. Und Deutschland? Die Wirtschaftsnation, die so gerne exportiert und deren Durst danach augenscheinlich ungestillt bleibt, blieb diesem besonderen Ereignis fern. Ein Fehler. Denn Deutschland muss endlich das Wohlbefinden der gesamten Bevölkerung in den Fokus rücken – und nicht auf die Leistungsfähigkeit von einigen Unternehmen und deren Aktionäre Rücksicht nehmen.


Glückskonzept systematisch hinterfragen


Ist das Konzept zum Glück des kleinen Königreichs mit weniger als einer Million Einwohnern also auf Deutschland übertragbar? Ja, nur in einer anderen Form! Das Konzept kann nicht zur Gänze nach Deutschland übertragen werden, dennoch müssen deutsche Politiker systematisch fragen, welche Rolle das Glück der Bürger für die praktische Politik spielen kann. Entscheidend ist, dass Bhutan die Priorisierung des Bruttoinlandsprodukts in Frage stellt. Das Bruttoinlandsprodukt reicht nicht mehr als Gradmesser für Lebensqualität. Die Eurokrise könnte irgendwann Deutschland erreichen. Falls es dazu kommen sollte und eine Krise bei jedem Bundesbürger real angekommen ist, brauchen wir eine Alternative: das Bruttonationalglück.

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