Was macht einen Menschen in einem entlegenen bhutanischen Dorf glücklich? Thomas Balmès zeigt in “Happiness”, wie moderner Wandel in der heutigen Globalisierung Einzug hält. Unschuld und ein einfacher Lebensstil werden dabei an Technologie und Fortschritt herangeführt – erzählt durch die Augen des buddhistischen Klosterschülers Pyangke.

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Welche Dinge benötigt ein Mensch in Bhutan, um glücklich zu sein? Wie wird ein einfacher Lebensstil langsam an Technologie und Fortschritt herangeführt? Ist es vollkommen ausreichend, ein bescheidenes Leben zu führen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Dokumentarfilm “Happiness” vom französischen Regisseur Thomas Balmès, der 2014 seine Weltpremiere beim Sundance Film Festival 2014 feierte und prompt den Documentary World Cinema Cinematography Award erhielt. Gleich zu Beginn der beeindruckenden Dokumentation verkündet der amtierende König von Bhutan, Jigme Singye Wangchuck, unter tosendem Applaus, dass das kleine Himalaya-Reich Internet und Fernsehen einführen wird. Der Beginn einer neuen Ära. Gleichzeitig warnt er jedoch die Jugend vor den Neuerungen: “Fernsehen und Internet haben Inhalte, die zugleich schädlich und nützlich für euch und euer Land sein können. Daher seid vorsichtig und wählerisch bei der Benutzung dieser neuen Ressourcen.”

Für den verträumten und eigenbrötlerischen Mönch Pyangke aus dem einsamen Dorf Laya verändert sich damit alles. Dort, hoch oben im Himalaya, in malerischer Abgeschiedenheit, wo weder Verkehrslärm, noch Elektrosmog oder Terminkalender vorhanden sind. Auf einen Schlag erfährt das ruhige und zurückgezogene Leben des achtjährigen Klosterschülers eine Wendung: Zwischen seinen Studien und Gebeten klopft plötzlich die große weite Welt bei ihm an. Durch neue Straßen und eine installierte Stromversorgung für sein 4.000 Meter hohes Gebirgsdorf sollen schon bald die ersten Fernsehbilder vor Pyangkes Augen flimmern. Auch dank seinem Onkel, der ihn auf der Suche nach einem passenden Fernsehgerät mit in die hektische und pulsierende Hauptstadt Thimphu nimmt. Hier sieht Pyangke zum ersten Mal Autos, den Straßenverkehr, chinesischen Schnickschnack und Tänzerinnen eines Volkstanzensembles, zu dem auch seine Schwester gehört. Für einen Yak, ein tibetischer Grunzochse, kaufen sie den langersehnten Apparat. Nach drei intensiven Tagen kehren die beiden mit dem Fernseher ins Dorf zurück – und ahnen nicht, was sie damit auslösen. Mit 46 Programmen bricht eine Bilderflut auf die Bewohner ein, von der sie schlussendlich überrannt werden.

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Ein Film von Thomas Balmés über Abgeschiedenheit, die auf Fortschritt trifft: “Happiness”

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Balmès lässt die Geschichte des jungen Mönchs langsam erzählen und gibt den Bildern viel Zeit, um zu wirken. Aufgrund der Entschleunigung wirkt der Film mit seinen 77 Minuten für den ein oder anderen teils langatmig. Doch das hat auch etwas positives: Balmès will, dass seine Rezipienten das Interesse für das kleine Land Bhutan und die Lebensweise seiner Bevölkerung mitbringen. So wie die Figuren müssen ebenso die Zuseher zwei wichtige Attribute aufbringen: Zeit und Geduld. Der Filmemacher fängt im gesamten Werk die Schönheit der Unschuld in den Gesichtern seiner Protagonisten und die erhabene und majestätische Landschaft Bhutans ein – untermalt von der passenden emotionalen Musik. Traditionelle Werte der bhutanischen Gesellschaft werden von Balmés mit den Errungenschaften der modernen Welt konfrontiert. Dabei gelingt es ihm, die Momente zu zeigen, in dem traditionelle Lebensweisen beginnen und sich durch die Verführungskünste der Technologie und des Fortschritts langsam auflösen.

Gleichzeitig zeigt “Happiness” die kindliche Naivität, mit der Pyangke die Welt sieht. Dadurch deutet Balmés an, wie unreif und leichtgläubig die heutige Gesellschaft teils mit neuen Technologien umgeht. Er will verdeutlichen, dass der Fortschritt auch seine Schattenseiten mit sich bringt.

Angehenden oder mehrmaligen Besuchern des kleinen Landes bietet der Film einen wertvollen Einstieg bzw. eine Ergänzung zum Erlebten. Besonders begeistert der Film durch seine wunderschönen Kamerafahrten durch das malerische Dörfchen Laya. “Happiness” zeigt den Betrachtern ganz deutlich, dass Glück eine tragende Säule des alltäglichen Lebens in Bhutan ist. Ein Dokumentarfilm, der es verdient hat, sich die nötige Zeit und Geduld zu nehmen, um ihn auf sich wirken zu lassen.

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Ausschnitte aus “Happiness”. Der Film wird jährlich via ARTE ausgestrahlt

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Thomas Balmès im Gespräch über “Happiness” mit Elliot Kotek vom Beyond Cinema Magazin

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